Kunststoff und Acrylglas sägen
Bei Holz und Metall arbeitet die Reibungswärme gegen das Blatt. Bei Kunststoff arbeitet sie gegen das Werkstück: Der Schnitt schmilzt und verschweißt direkt hinter dem Blatt wieder. Wer das einmal erlebt hat, weiß, warum die wichtigste Einstellung hier nicht die Blattwahl ist, sondern die Drehzahl.
Das Grundproblem: Wärme
Thermoplaste – PVC, Polyethylen, Polypropylen, Acrylglas, Polycarbonat – werden bei Wärme weich und dann flüssig. Ein Sägeblatt, das mit 3.000 Hüben pro Minute durch das Material läuft, erzeugt genau diese Wärme.
Drei Dinge passieren dann:
- Der Schnitt verschweißt. Das geschmolzene Material fließt hinter dem Blatt wieder zusammen. Am Ende hast du eine Schnittlinie, die zwar durchgesägt ist, aber zusammenhängt.
- Die Zahnlücken setzen sich zu. Der zähe Schmelzspan klebt in den Zähnen und das Blatt reibt nur noch, statt zu schneiden – was noch mehr Wärme erzeugt.
- Das Material reißt. Besonders bei Acrylglas: Der Wärmeeintrag erzeugt Spannungen, und die spröde Platte reißt entlang der Schnittlinie unkontrolliert ein.
Die Regel für alle Kunststoffe
Niedrige Drehzahl. Pendelhub 0. Kein Vorschubdruck. Pausen machen.
Das ist die vollständige Antwort auf 90 Prozent aller Kunststoff-Probleme. Die Blattwahl
kommt erst danach.
Hartkunststoff: PVC, PE, PP, HDPE
Der unkomplizierte Fall. Diese Kunststoffe lassen sich mit normalen Holzblättern sägen, solange die Drehzahl stimmt.
- Bis 30 mm, sauber:
T 101 B– die feine Zahnteilung von 2,7 mm schneidet sauber, die geschliffenen Zähne erzeugen wenig Reibung - Bis 30 mm, standfester:
T 101 BF– Bi-Metall, wenn du größere Mengen sägst - Kurven:
T 101 AO - Dicke PE-Platten:
T 144 Dmit niedriger Drehzahl – die groben Zahnlücken transportieren den zähen Span besser ab
Einstellung: Drehzahlstufe 2 bis 3, Pendelhub 0. Bei sehr zähem PE oder HDPE kann eine grobe Zahnung tatsächlich besser sein als eine feine – der Span muss Platz haben.
Acrylglas und Polycarbonat
Der schwierigste Fall in dieser Kategorie. Acrylglas (PMMA, oft als Plexiglas bezeichnet) ist hart und spröde zugleich. Es schmilzt bei Wärme und reißt bei Spannung.
Dafür gibt es ein Spezialblatt: T 101 A – HSS, freiwinkel- und zähnegeschliffen,
Zahnteilung 2 mm, für Materialstärken von 2 bis 20 mm.
Schutzfolie drauflassen
Die beidseitige Schutzfolie bleibt bis zum Schluss auf der Platte. Sie schützt die Oberfläche vor Kratzern durch die Fußplatte und hält bei Rissbildung die Splitter zusammen.
Niedrigste Drehzahl
Stufe 1 bis 2. Bei Acrylglas ist das keine Empfehlung, sondern Voraussetzung. Auf höchster Stufe hast du nach zehn Zentimetern eine geschmolzene Wulst statt einer Schnittkante.
Pendelhub auf 0
Jede Pendelbewegung schlägt das spröde Material an – mikroskopische Risse, die später zur Bruchstelle werden.
Vollflächig unterstützen
Acrylglas biegt sich. Wenn es zwischen zwei Böcken durchhängt, entstehen Spannungen und das Material reißt beim Sägen ein. Vollflächig auf eine Platte legen und mit Zwingen fixieren – aber nicht zu fest, sonst spannst du es vor.
Ohne Druck arbeiten, Pausen machen
Bei längeren Schnitten alle 20 bis 30 Zentimeter absetzen und das Blatt abkühlen lassen. Ein heißes Blatt schmilzt, ein kaltes schneidet.
Kante nacharbeiten
Die Sägekante bleibt matt und leicht wellig. Mit Schleifpapier von Körnung 240 bis 600 nass schleifen und anschließend mit Kunststoffpolitur behandeln – dann wird sie wieder transparent.
Die ehrliche Alternative bei dünnem Acrylglas
Bis etwa 5 mm Stärke ist Ritzen und Brechen die bessere Methode: Mit einem Acrylglas-Ritzhaken mehrmals entlang eines Lineals ziehen, dann über eine Tischkante brechen. Das gibt eine geradere Kante als jede Stichsäge und dauert eine Minute. Die Stichsäge brauchst du nur für Ausschnitte und Kurven.
GFK, Epoxy und Verbundwerkstoffe
Glasfaserverstärkter Kunststoff ist ein anderes Thema: Er schmilzt nicht, er schmirgelt. Die Glasfasern wirken wie Schleifpapier auf die Zähne.
- Bis 30 mm:
T 101 AIF– Bi-Metall mit sehr feiner Spitzverzahnung - Bis 30 mm, universell:
T 345 XF - Bis 50 mm:
T 141 HM– Hartmetall, alles andere ist verbranntes Geld
Glasfaserstaub
Der Staub beim Sägen von GFK reizt Haut, Augen und Atemwege. Absaugung anschließen, FFP2 oder FFP3 tragen, langärmelig arbeiten und die Kleidung anschließend separat waschen. Bei Epoxidharzen zusätzlich die Sicherheitsdatenblätter des Herstellers beachten.
Styropor, Schaumstoff, Teppich, Gummi
Diese Materialien haben keine Fasern, die man trennen kann – Zähne würden sie nur zerfetzen. Deshalb gibt es dafür Blätter ganz ohne Zähne:
- Bis 50 mm:
T 113 A– eine Klinge mit Messerschliff - Bis 100 mm:
T 313 AW– lange Klinge mit Wellenschliff
Einstellung: niedrige Drehzahl, Pendelhub 0. Bei Styropor entsteht statische Aufladung – die Kügelchen kleben danach an allem. Ein feuchtes Tuch über die Werkbank hilft mehr als jeder Staubsauger.
Die Einstellungen im Überblick
| Material | Blatt | Drehzahl | Pendelhub | Kritischster Punkt |
|---|---|---|---|---|
| PVC, PE, PP bis 30 mm | T 101 B | Stufe 2–3 | 0 | Span muss abtransportiert werden |
| Acrylglas 2–20 mm | T 101 A | Stufe 1–2 | 0 | Wärme und Spannungsrisse |
| Polycarbonat | T 101 A | Stufe 2 | 0 | zäher als PMMA, schmilzt leichter |
| GFK bis 30 mm | T 101 AIF | Stufe 2 | 0 | Glasfaserstaub, Blattverschleiß |
| GFK bis 50 mm | T 141 HM | Stufe 1–2 | 0 | nur Hartmetall hält durch |
| Styropor, Teppich | T 113 A | Stufe 1–2 | 0 | Messerklinge statt Zähnen |